Wie war das doch gestern…

Clemens B.

2005. Mit einer Arbeitslosenquote von 11,9% waren vom deutschen Arbeitsmarkt geradezu historische Horrorzahlen zu vermelden, wirtschaftlich schien es im Vergleich zum Rest Europas seit einigen Jahren nur noch bergab zu gehen, der deutsche Schuldenberg wuchs immer deutlicher über die magische Maastricht-Grenze hinaus und irgendwo im Schwarzwald machte ich zum ersten Mal ein Kreuz auf einem Wahlzettel.  Als mein Jahrgang seinerzeit zur Wahlurne gebeten wurde, machte Deutschland den Eindruck eines reformunfähigen, von Abstiegssorgen gelähmten und von Selbstzweifeln regelrecht zerfressenen Landes. Nicht nur hierzulande war oft die Rede von Deutschland als dem „kranken Mann Europas“.  Das sang- und klanglose Ausscheiden einer lahmen, überalterten Fußballnationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2004 schien da nur allzu gut ins Bild zu passen. Die kommenden zehn bis zwanzig Jahre für die Bundesrepublik als Herausforderung zu bezeichnen, wäre eine echte Untertreibung gewesen.

Im letzten Jahr war es nun an meinen beiden Cousins, erstmals in ihrem Leben ein Kreuzchen zu setzen. Und die Verhältnisse hätten umgekehrter kaum sein können.  Nicht nur, dass man mit der Genderisierung Deutschlands als „Mann“ heute bedeutend vorsichtiger wäre, ist Deutschland in Europa nicht mehr am kränkeln sondern in einer Führungsrolle. Die Wirtschaft brummt, das DFB-Team kann wieder siegen, der Schuldenberg wird kontinuierlich abgetragen und eine zweistellige Arbeitslosenquote scheint für uns heute so weit entfernt wie ein gewisser Herr Trump noch vor zwei Jahren von der US-Präsidentschaft.

Grund zu feiern also? Nun Ja. Zwischen all diesen zweifellos guten Nachrichten wird heute sehr leicht vergessen, dass Deutschland sich bereits in den 80er Jahren in einer ähnlichen Situation befand: Die Wirtschaft wuchs, Staatsschulden und Inflation sanken. Sogenannte neue Technologien waren dabei, den Arbeitsmarkt nachhaltig zu verändern. Dem beinahe rauschhaften Höhepunkt mit Mauerfall, Wiedervereinigung und, natürlich, Fußballweltmeisterschaft im Jahr 1990 folgte ein sehr langer – und teurer – Kater. Nach dem Abflauen des Wiedervereinigungsbooms stagnierte die deutsche Wirtschaft. Vom Hype um die neuen IT- und Kommunikationstechnologien am Ende des Jahrzehnts schien die Politik regelrecht überrumpelt und überfordert.

Heute mehren sich die Anzeichen, dass auch die gegenwärtige Entwicklung bald an ihre Grenzen stoßen könnte, wenn sie sich nicht gar ins Gegenteil verkehrt. Es steht uns zwar keine Herausforderung vom gewaltigen Umfang der Wiedervereinigung ins Haus, doch drängende Fragen gibt es allein hierzulande genug: Wie umgehen mit der wachsenden Macht von Datengiganten vom Stile eines Facebook, Google oder Amazon? Welche Antworten lassen sich auf die demographische Entwicklung finden, ganz zu schweigen vom vielzitierten Fachkräftemangel? Die Arbeitswelt wird durch Automatisierung und digitalen Wandel zwar nicht  kleiner, aber sich doch in absehbarer Zeit gänzlich gewandelt haben. Berufe die heute hoch im Kurs stehen, werden morgen bereits nicht mehr gefragt sein.

Es gibt mehr als genug Bereiche, in denen die Unternehmen von heute sich bereits auf das Morgen einstellen können wenn nicht sogar müssen – etwa kontinuierliche Weiterbildungen oder durch Übernahme von Sozialleistungen und langfristigen Verträgen eine stärkere Bindung der Arbeitnehmer zu erreichen, denen im Gegenzug wiederum mehr Flexibilität abverlangt werden wird. Als Headhunter ist mir aufgrund der Nachfrage nach Experten, SPS-Programmierern oder altruistischen Managern keineswegs angst und bange, jedoch, liebe Unternehmer und Investoren, denkt bitte an die Nachhaltigkeit! Gerade in der aktuellen Situation und mit dem Sommer vor der Tür gibt es sicherlich gute Gründe, abends hin und wieder in der warmen Sonne zu sitzen und mit einer Hopfenkaltschale auf die zurückliegenden Erfolge anzustoßen. Das sollte allerdings tunlichst nicht in eine solche Feier ausarten, das man darüber den Morgen komplett verschläft. Denn die Zukunft wird eine Herausforderung – aber das kennen wir ja bereits.

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