Wenn der gesuchte Manager zum Bittsteller wird!

Andreas U.

Was ich die Tage erlebt habe: Ein Konzern war auf der Suche nach einem Top-Manager. Es wurde zuvor in aller Deutlichkeit erklärt „wir brauchen einen echten Headhunter, einen qualitativen Prozess und wir sind in Search for Professionals“.

Nach der Vorstellung der Kandidaten beim Kunden stellte sich mir die Frage, wer in der Gesprächsrunde der Profi war. Es war offensichtlich, dass meine Kandidaten, eine Auswahl an Managern einen profunden Erfahrungsschatz hat, diesen auch zeigen wollte und sich trotz ihres aktuell guten und sicheren Jobs, auf das Gespräch ernsthaft vorbereitet hatte. Leider präsentierte sich der werbende Arbeitgeber alles andere als werbend. Der „Global Player“ auf der anderen Tischseite, der eigentlich einen starken „Mann“ finden wollte, verlor sich in seinen Quartalszahlen, vergaß die Motivation vollständig und lies sich von Oberflächlichkeit leiten. Diese Erfahrung erinnerte mich an den Beitrag in der Wirtschaftswoche, der von Mikromanagement, fehlendem Menschenverstand und Söldnern sprach.

Der Tag verlief gewissermaßen nach Schema F, ohne Hingabe wurden durch den Bereichsleiter und HR die stereotypen Gespräche und Einheitsfragen hinter sich gebracht. Die Persönlichkeit spielte zu keiner Zeit eine Rolle, Fachkompetenzen blieben ungeprüft, bewertet wurden ausschließlich die Unterlagen der Kandidaten.

Im Nachhinein passte diese Vorstellung wohl zu dem rein Kennzahlen gesteuerten Unternehmen. Trotzdem war ich von der Anti-Werbestrategie überrascht. Wenn ein global aufgestelltes Unternehmen glaubt, der Name reiche aus, um für einen Wechsel zu begeistern, dann ist es auf dem Holzweg. Mit Druck, veränderten Wettbewerbssituationen, Flexibilität, rauerem Ton und hin und wieder fehlender Rückendeckung weiß jeder Profi umzugehen, jedoch mit diesen negativen und provokanten Elementen zu werben, ist kein probates Mittel und war in dem Ausmaß neu für mich.

Auch wenn die Bedingungen härter denn je sind, sollte im Gespräch mit dem Aufsichtsrat nicht der gegenwärtige Leistungsdruck und der zu erwartende Frust der vorherrschende Eindruck sein, sondern die daraus resultierende Wertschätzung und Anerkennung für die in der Zukunft zu erreichenden Ziele. In den Interviews wurde komplett vermieden, die Vorzüge des Unternehmens aufzuzeigen. Durch die Gesprächsführung wurde den Bewerbern das Gefühl gegeben sie wären nur Bittsteller und würden zu gegebener Zeit informiert.

Ein wertschätzender und respektvoller Umgang, eine ungezwungene und angenehme Interview-Umgebung sowie ein gelegentliches Danke oder Bitte sind nicht aus der Mode, werden auch von einem Manager gern gehört und bedeuten nicht, dass man als potenzieller Arbeitgeber seine souveräne und starke Position im Interview aufgibt.

Als logisch denkender Mensch verstehe ich bis heute entsprechend dem Grundsatz „Quid pro quo“ nicht, weshalb dieser Konzern einen authentischen, in höchstem Maße beweglichen und dazu auch noch leistungsbereiten Manager erwartet, der die Belegschaft motiviert. Sich gleichzeitig aber das Management hinter den eigenen Prozessen versteckt und nicht in der Lage ist, zu motivieren. Kurz gesagt liebe Unternehmen, behandelt einen Bewerber wie einen Gesprächspartner auf Augenhöhe und er wird zum Vorbild – behandelt Ihr jedoch einen Bewerber wie einen Bittsteller, wird er der Konkurrenz in die Arme laufen und dort hoch-motiviert genau diesen Wettbewerber bekämpfen. Bestenfalls wird er zum emotionslosen Roboter, der ebenso seine Arbeit nach Schema F erledigt.

Vielleicht ticke ich komplett falsch und der Konzern verhielt sich post-modern. Vielleicht reicht es heute tatsächlich aus, ein hohes Gehalt und einen Boni für die nächste Lean Maßnahme anzubieten. Und vielleicht spielt Empathie und Kommunikation heute entgegen allen Weisheiten der letzten Jahrzehnte doch nur eine untergeordnete Rolle. Ich lach mich schlapp.

Viele Grüße,
Andreas Ungemach

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