Netzwerke versus Fachkompetenz, wer setzt sich durch

Alex R.

Als Headhunter im Executive Search fällt mir diese Antwort aus über 15-jähriger Erfahrung leicht.

In Krisenzeiten setzen die Kontrolleure, also Aufsichtsräte und Beiräte, auf Fach- und Sachkompetenz, übrigens auch Inhaber, Shareholder und Stakeholder. Während in guten Zeiten viel ausprobiert wird und auch mal ein fach- und branchenfremder Manager beauftragt wird – gar nicht selten mit gutem Erfolg – verlässt man sich in schweren Zeiten oder bei wachsendem Wettbewerb lieber auf fachkompetente Führungskräfte. Freundschaftdienste und Networking haben dann mehrheitlich ausgedient.

Nach meiner Auffassung werden Seilschaften und Netzwerke viel zu intensiv genutzt, und leider auch bevorzugt. Nicht nur in Deutschland könnte man Magazine füllen – viel Potential für Manager Magazin, Wirtschaftswoche & Co. mit oft unglaublichen Negativstories, ausgelöst durch inkompetente Top-Manager und offensichtlichen Fehlentscheidungen.

Mich überrascht die Verwunderung über die Notwendigkeit allerorten. Zu Recht wird Fachkompetenz in Deutschland bis hoch in das Top-Management als sehr wichtig erachtet. Deutlich wird dies durch den international überproportional hohen Anteil an Ingenieuren im Top-Management produzierender Unternehmen. Erstaunlich nur, dass dieses Thema ausgerechnet in der Politik keine Rolle spielt.

„Fachkompetent“ sollte nicht nur jeder Geschäftsführer, Vorstand und Manager sein, auch ein Ministerium sollte von einem fachkompetenten Minister geführt werden. Leider spielt in der Politik das Talent, ein guter Netzwerker zu sein, die wichtigste und oft alles entscheidende Rolle. Denn Loyalität und Machterhalt sind die bedeutendsten Entscheidungsgründe.

Doch auch in der Wirtschaft müssen wir vorsichtiger und aufmerksamer werden – und häufiger abwägen. Immer noch (oder sogar zunehmend) ist der Anteil aller Neubesetzungen im Top-Management abhängig vom Netzwerk des Aufsichtsrates. Oft ist dann nicht die sachlich beste Lösung, d.h. der fachkompetenteste Nachfolger die erste Wahl, sondern es wird ein Manager ausgewählt, der das beste, passendste Netzwerk zu dem Entscheider aufgebaut und gepflegt hat und von diesem vor allem als loyal erachtet wird.

Selbstverständlich kann auch diese Wahl gut gehen, entscheidend ist dann aber häufig ein guter Unterbau im mittleren Management. Ich appelliere an die Politik, mit gutem Beispiel voranzugehen. Denn auch verantwortungsvoll und gut führen zu können ist eine Fachkompetenz.

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