Home-Office, Homeoffice, Home Office – ich kann es nicht mehr hören

Alex R.

So reizvoll das „Homeoffice“ für manchen Arbeitnehmer ist, so klar sollte diesem sein, wie austauschbar er sich speziell in großen Unternehmen macht. Auch Unternehmer warne ich: Wir sollten den Trend zum Home-Office stoppen, bevor „Werte“ im Arbeitsleben wie Identifikation, Loyalität, Kreativität und Teamgeist einer neuen Oberflächlichkeit gewichen sind. Oder haben Sie keine Unternehmenskultur?

Natürlich will ich etwas provozieren ;-). Ich blende deshalb absichtlich ein paar Vorteile des gelegentlichen Home-Office aus ..

Bis März 2020, d.h. bis zu Covid-19, hatten wir in unseren Arbeitsverträgen bis zu zwei Tage Home-Office pro Woche angeboten – und damit gute Erfahrungen gemacht. Reports, Recherchen, Kundenpflege und Direktansprache sind gute Argumente für eine gelegentlich ungestörte und konzentrierte Heimarbeit.

Wegen Corona jedoch hatten wir uns zeitweise dazu hinreisen lassen, das Home-Office zur Regel zu machen. Inzwischen tausche ich mich regelmäßig mit einigen Familienunternehmern aus, die Ergebnisse sind ernüchternd.

Abgesehen davon, dass viele Mitarbeiter lieber Beruf und Privatleben trennen und gerne ins Büro fahren, so bleiben im Home-Office vor allem zwischenmenschliche Faktoren auf der Strecke.

Meine Top-10 gegen das Home-Office:

  1. Die Identifikation mit dem Arbeitgeber geht verloren
  2. Aufgabe (Job) und Wertschätzung desselben ist dahin
  3. Austausch / Entwicklung weicht prozessorientierter Arbeit
  4. Zusammenhalt und Teamspirit kommen abhanden
  5. Kreativität, Empathie, Ethik, Relationship gehen verloren
  6. Raum für Mobbing, Oberflächlichkeit und Nachtragen entsteht
  7. Brainstorming, die kurze Abstimmung zw. Tür-und-Angel, fehlt
  8. Fehlende Gestik und Mimik fördern Missverständnisse
  9. Talente, zukünftige Leistungsträger, werden nicht mehr erkannt
  10. Vernetzung, Netzwerken und damit Teamwork wird schwer

Wenn große Digitalunternehmen wie Facebook oder Twitter das Homeoffice zur Regel machen, dann deshalb, weil es bei einem leicht zu skalierenden Erfolg einfach ist, auf Mitarbeiter zu verzichten, die keine Leistungsträger im Unternehmen sind. Bekannt auch: Für große Softwareunternehmen und Digitalkonzerne sind Mitarbeiter, die schiere Anzahl, ein politischer Faktor. Wenn man gelegentlich an Strategiemeetings teilnimmt, dann geht es hier um strategisches Risikomanagement. Je mehr Mitarbeiter beispielsweise Facebook hat, inkl. vieler abhängiger Kleinunternehmer, desto schwerer wird es für die EU, Facebook abzuschalten. Am Beispiel China hat man sehen können, wie Ausgrenzung (der US-Konzerne) Raum für eigene „Platzhirsche“ geschaffen hat.

Das Home-Office könnte sich zum größten Managementfehler entwickeln. Wer sich, wie wir, sehr häufig mit Zukunftsthemen beschäftigt, erkennt, dass der Trend zum Home-Office u.a. das weitere Wachstum der Automatisierung oder Künstlichen Intelligenz (AI) noch beschleunigen wird. Ausgerechnet die Stärken des menschlichen Geistes, die Emotion, das Soziale, Philosophische, Ethische, die Spontanität, Kreativität in uns, sind unsere größten, auch langfristigen Stärken.

Sie werden jetzt vielleicht sagen, die Mitarbeiter waren begeistert vom neuen Homeoffice. Alle machten mit, deren Produktivität sank nicht, der Umgang mit neuen Tools wie Videotelefonie, Laptop und Telefon wurde zur Routine.

Selbstverständlich hängt die Zufriedenheit und die Leistungsbereitschaft auch sehr von der Persönlichkeit des Betroffenen ab.

Wenn aber große Versicherungskonzerne und Unternehmensberatungen zukünftig 50% der Arbeit von zu Hause aus erledigen lassen, lässt sich vortrefflich Geld sparen. Es stellt sich schnell heraus, dass man den ein oder anderen Mitarbeiter gar nicht vermisst, und damit nicht mehr braucht. Auf jeden Fall lassen sich Kosten reduzieren, wenn nur 30% der Büroarbeitsplätze überflüssig werden oder Büros gar nur halb so groß geplant werden müssen. Von Betriebsmitteln bzw. Büroartikeln gar nicht zu reden.

Auch die PR-Seite ist nicht zu vernachlässigen: der CEO begründet die Einsparung nämlich ganz einfach: „Wir kommen dem Wunsch unserer Mitarbeiter nach Flexibilisierung nach“.

Laut Ifo-Instituts wollen über 50% der deutschen Unternehmen „das Homeoffice“ ausbauen. Damit ist HR in der Lage, neue Arbeitsmodelle auf Kosten der Arbeitnehmer auszuprobieren. Das „virtuelle“ Büro grüßt.

Ich vermute, dass auch neue Mitarbeiter im Home-Office immer schlechter und schwerer integriert, an- und eingelernt und gefördert werden können. Wie auch soll ein neuer Mitarbeiter in ein Team aufgenommen werden. Wer unterstützt ihn, wird sein Mentor und wofür eigentlich? Wem also kann und soll der Neue vertrauen, wo soll er sich guten Rat holen?

Ein neuer Mitarbeiter wird also isoliert sein, anonym sein – und sich so fühlen, keine Wertschätzung erfahren, frustriert sein, sich weder identifizieren noch loyal sein. Er wird keinen Showroom besuchen, keine Bindung zu „seinem Produkt“ entwickeln, er wird keine Pokale – gemeinsam erreichte Auszeichnungen erleben, Postkarten von Kollegen sehen oder gemeinsame abendliche Mountainbiketouren erfahren.

Liebe Unternehmer – sehen Sie nicht nur Ihren kurzfristigen Vorteil. Wird das Homeoffice zur Regel, werden sie mittelfristig weniger innovativ sein. Und wollen Sie sich wirklich zukünftig in Massenmärkten behaupten müssen?

Millennials wünschen sich das Home-Office – so höre und lese ich immer wieder. Aber warum? Ich vermute, weil die Eltern gelegentlich Hilfe brauchen, weil ein Arztbesuch ansteht, ein Handwerker oder Postbote kommt, der Nachwuchs mal krank ist. Wäre es nicht viel einfacher, solcherart „Kurzurlaube“ spontan und flexibel zu erlauben?

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