Der Individualverkehr steht kurz vor dem Umbruch

Stephan G.

HSH+S, Dez. 2017: In den letzten 6 Monaten stand ich jeden Morgen mit meinem Tankstellenkaffee auf dem Weg zur Arbeit im Baustellenstau auf einer Autobahnbrücke. Links und rechts genervte und unter Termindruck stehende, völlig verzweifelte Menschen. Auch diejenigen, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden hatten, starr nach vorne schauend, die 45 Minuten Verspätung bereits eingeplant. Amüsiert von Fahranfängern, die glauben durch regelmäßigen Spurwechsel schneller vorranzukommen, schaue ich zufällig nach oben und sehe den glücklichen Inhaber einer Privatpilot-Lizenz, der mit seiner Cessna ungetrübt des Verkehrschaos seine Wege zieht.

Das glückliche Schicksal einzelner? Oder vielleicht bald schon Standard? Immerhin gab es da doch vor kurzem einen spektakulären Erstflug in Dubai?

Die Rede ist von Volocopter, dessen Ursprung in der Karlsruher eVolo GmbH liegt und der es im August sogar in die Bild-Zeitung schaffte. Damit ist es jedoch nicht das einzige Unternehmen, das an der Revolution des Individualverkehrs und der Erlösung aller staugeplagten Pendler arbeitet. Air-Taxis oder eVTOLs heißt die angestrebte Lösung.

Neben Volocopter schickt Airbus den Vahana und ein Start-Up aus München den Lilium (Jet) ins Rennen, um nur drei exemplarisch zu nennen. Von den genannten hat der Volocopter mit einem bereits (vorläufig) zugelassenen System zwar die Nase vorn, aber auch die anderen haben ihre Stärken und machen neugierig, wer das Rennen  machen und sich langfristig durchsetzen wird.

Neben der technischen Machbarkeit, die sowohl Volocopter, als auch Lilium bereits demonstriert haben, sind jedoch noch viele Fragen ungeklärt. Die größte wird sicherlich die rechtliche Lage sein.

Zwar haben Bundestag und Rat dieses Jahr den Gesetzentwurf angenommen, welcher autonomes Fahren in Autos unter Auflagen erlaubt, jedoch sieht dieser immer noch ein Eingreifen des Menschen in Notsituationen vor. Und so sehr ich das Spur-Hopping des jungen Verkehrsteilnehmers im Stau noch belächle, so bezweifle ich doch, dass ich jedem meiner morgendlichen Staubegleiter ein Flugzeug anvertrauen würde. Die Lösung der Air-Taxis muss demnach für mich ganz klar eine vollautonome sein.

Spätestens hier wird der Ruf nach Sicherheit der Systeme laut und das zu Recht. Wenn jeden Morgen 26 Mio. Pendler in einem Lufttaxi unterwegs wären, um vollautonome Daten zu Wetter, Vögeln, Verkehrsaufkommen und Routenoptimierung auszutauschen, bietet sich hier ein gigantisches und medienwirksames Ziel für Terroristen. Ob diese sicherheitstechnischen Herausforderungen durch Block-Chain-Ansätze zu lösen sind, oder ein ganz neues System gefunden werden muss wird sich zeigen.

Und damit nicht genug müssen noch Dinge wie Wetterabhängigkeit und Reichweite geklärt werden. Auch ob sich ein „on Demand“ oder „Sharing“ System durchsetzt, bei dem nicht mehr jeder sein liebstes Prestigeobjekt im Vorgarten stehen hat, sondern die Drohne via App gebucht wird und den Kunden nur abholt und transportiert um zwischen den Einsätzen in Ladestationen zu warten, wird sich zeigen müssen. Der Parkplatzsituation würde dieses Konzept sicherlich nicht schaden.

Klar ist jedoch, dass trotz der noch offenen Fragen die eVTOLs eine vielversprechende Lösung für den Verkehrsinfarkt auf deutschen Autobahnen darstellen. Und mit dem Blick auf die angestrebten Timetables der Hersteller könnte dieser eher früher als später verfügbar sein.

Ihr Stephan Grulich

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