20% wären genug

Alex R.

Selbstverständlich kann der neue Koalitionsvertrag kein Meisterwerk sein. Eine im Vorfeld so kontroverse Haltung der Parteien mit deren Ziel, in 4 Jahren in der Zustimmung der Bevölkerung zu gewinnen, haben es den Koalitionären schwer gemacht, progressive, nicht von Umverteilung und Verwaltung geprägte „Vorhaben“ zu vereinbaren.

Als Personalberater der HSH+S Personalberatung, der vornehmlich in der mittelständischen Industrie zu Hause ist, höre ich viele unterschiedliche Meinungen, die jedoch zusammengefasst eine ganz einfache Aufgabenstellung für die neue Regierung formulieren.

Als viertgrößte Industrienation der Welt ist Deutschland heute mit industriell hergestellten Gütern und Dienstleistungen die größte Volkswirtschaft Europas. Mit einem Prozent der Weltbevölkerung beträgt unser Anteil an der Industrieproduktion 7%. Aber Deutschland ist nicht nur im Export weltmeisterlich, sondern meldet auch mit die meisten Patente (nach USA und vor Japan) neu an. Wäre Deutschland nicht auch Importweltmeister, wie würde es wohl unseren kriselnden EU-Nachbarn heute gehen?!

Die Vielfalt der Wirtschaft und die hohe Anzahl mittelständischer, sehr wettbewerbsfähiger Betriebe haben zu einer stabilen Situation für die Politik und die Bevölkerung geführt. Dass diese unsere Industrie lebensnotwendiger Motor dieser guten Ausgangssituation ist, steht außer Frage.

Neben der Vielfalt der Kompetenzen, d.h. der Branchen, Güter und Bildungseinrichtungen auf engstem Raum, sind vor allem drei Rahmenbedingungen dringend reformbedürftig. Sie sind die Garanten für unsere Wettbewerbsfähigkeit als Industriestandort und sichern damit unseren Wohlstand:

1. Energiekosten/Verfügbarkeit
2. Verkehr/Infrastruktur
3. Bildung/Fachkräfte

Die Standortfaktoren Energie und Verkehr sind selbsterklärend. Energie muss wettbewerbsfähig und planbar sein. Wenn Produktionsbetriebe in USA dauerhaft nur ein Zehntel für Energie bezahlen, werden energieintensive Unternehmen sukzessive aus Deutschland abwandern. Der zweite Punkt Verkehr, d.h. der Vorteil „des engen Raumes“, ist logistisch nur dann ein Wettbewerbsvorteil, wenn die Verkehrsinfrastruktur, darin eingeschlossen auch die IT und TK, nachhaltig intakt ist.

Als Geschäftsführer einer Personalberatung liegt mir natürlich vor allem letzteres, d.h. der Nachwuchs, am Herzen. Der dritte dringende Reformierungsbedarf ist deshalb in meinen Augen die Bildung bzw. Ausbildung.

Auch wenn die Investitionen in Deutschland höher sein könnten – Bildung und Forschung werden geschätzt, Universitäten sind in der Summe noch immer gut und vor allem international anerkannt. Der Ruf unserer höheren Bildungssysteme ist noch immer weit besser, als es Politik, Medien und Rankings oft glauben machen. Die Anfragen von ausländischen Unternehmen, speziell der MINT Berufe, nehmen noch immer kontinuierlich zu. Von den USA über Russland bis nach Korea werden erfahrene deutsche Ingenieure gerne nachgefragt.

Hinzu kommen die anerkannt positiven Wesenszüge der Deutschen im Allgemeinen. So werden diese als leistungsorientiert und verlässlich, aber auch als hochqualifiziert und glaubwürdig geschätzt.

Problematisch sind die niedrigen Geburtenraten sowie das System der Schulen des Sekundarbereichs. Viel zu viele mangelhaft vorbereitete Schüler verlassen die Schulen. Noten werden oft willkürlich vergeben, engagierte Schüler aus Desinteresse vieler Lehrer demotiviert. Die Schulen lehren weder „Lernen“, noch werden den Schülern unsere Gesellschaft, die Grundlagen unseres Wohlstands, aktuelle politische Themen oder gar berufliche Möglichkeiten nahegebracht. Selbst Abiturienten fehlt es heute an Allgemeinbildung und nicht nur diese – durch die fehlende berufliche Perspektive herrscht Orientierungslosigkeit. Viele Unternehmen vermissen deshalb bei Berufseinsteigern auch Engagement und Motivation.

Zusammengefasst sind es also vornehmlich drei Ministerien, die unser Land voranbringen und unsere heutige Wettbewerbsfähigkeit stark beeinflussen.

Der Koalitionsvertrag der vergangenen Legislaturperiode wurde nur zu ca. 20 % umgesetzt, insgesamt also keine schlechten Voraussetzungen für die Politik und ebenso keine unlösbare Aufgabe. Wenn die Regierung die richtigen Vorhaben umsetzt, werden wir in einigen Jahren den größten Respekt vor der Politik haben können.

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